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14.03.2017 . Events . Gerrit Müller

Recap zum Barcamp Bonn 2017

Es ging am ersten Tag um Mobilität, am zweiten Tag um alles gemischt und insgesamt darum, viel zu lernen. Es war großartig!

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Ich war dieses Jahr zum ersten Mal beim Barcamp Bonn. Es gab zwei Tage Sessions in einer einzigartigen Location, dem Post-Tower. Ich habe mir bewusst vorgenommen, auch in Sessions zu gehen, mit denen ich privat und beruflich wenige Anknüpfungspunkte habe. Was ich erlebt habe, erfahrt ihr jetzt:

Barcamp Bonn! #bcbn17

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Thema: Mobilität

Am ersten Tag ging es um das Oberthema Mobilität. Ich war in der Session von Monika und Achim Meurer, die seit zwei Jahren als Digitale Nomaden leben. Das bedeutet, dass sie keinen festen Wohnsitz haben, sondern permanent auf Reisen sind. Die Work&Travel-Idee wird hier zum kompletten Lebensentwurf. Die Meurers werden von Auftraggebern gebucht, meist für circa eine Woche und tun dann das, was sie am besten können: Monika schreibt und bloggt, Achim fotografiert. Geduldig haben die beiden die Fragen der Sessionteilnehmer beantwortet., z.B. „Was steht in eurem Pass?“ – Kein fester Wohnsitz in Deutschland. Sie erzählten, dass ihr Bankkonto in Österreich, ihr Krankenversicherung in Luxemburg ihre Firma in Estland angemeldet ist. Obwohl sie tatsächlich noch nie in Estland waren, haben Sie dort eine eResidency, einen digitalen Wohnsitz – das geht in Deutschland nicht, weshalb die Steuern ins Baltikum wandern. Monika erzählte vom Kampf mit deutschen Behörden, wenn es darum geht, dass die beiden keine Mülltonnen brauchen. Was brauchen Digitale Nomaden in ihren Unterkünften am dringensten? (Schnelles) Internet, Waschmaschine, Arbeitsplatz, gesundes (!) Essen.

Dann ein ganz anderer Bereich: (Im)mobilität bei Nahrungsmitteln. Dorle Gothe von der Regionalwert AG Rheinland erzählte, dass häufig regionale Lebensmittel angeboten werden und ebenso häufig Bio-Lebensmittel – aber selten beides gleichzeitig. Daher bietet das junge Unternehmen eine Aktie an, mit der man das ändern kann. Es gibt bereits einen ersten Betrieb, der gemäß des Konzepts produziert. Es gab außerdem Exkurse in angrenzende Themen: Wir erfuhren, dass es in Kanada „Ernährungsräte“ gibt, die Selbstversorgergemeinschaften organisieren. Der Grund: Einkaufen fahren wurde in den ländlichen Gebieten zu teuer. Die Landwirtschaft hat eine große Einstiegshürde, sie ist der einzige Sektor, in dem der Kapitalbedarf höher als der Jahresumsatz ist. Daher finden sich leider häufig keine Nachfolger, die Betriebe übernehmen und weiterführen. Dorle sagte, landwirtschaftliche Betriebe müssen versuchen, die Wertschöpfungskette beisammen zu halten und das möglichst regional.

Am ersten Tag gab es doch noch eine thematisch sehr nahe Session, die ich mir unbedingt anschauen musste: Das SWB (Stadtwerke Bonn) Social-Media-Team berichtete über den Aufbau von Service über Facebook und insbesondere über Twitter. Alle drei SWB-Mitarbeiter kamen durch den Job zu Twitter und waren vorher gar nicht dort unterwegs. Der hauptamtliche Twitterer war sogar selbst vorher 20 Jahre lang im Fahrdienst und hat so ausgeprägte Erfahrung mit dem Bus- und Bahnverkehr in Bonn und kennt die typischen Situationen. Das tolle daran: Die SWB gab den Mitarbeitern von Anfang an freie Hand. So kommt auch das Thema Humor nicht zu kurz. Bei Störungen im Betriebsablauf (Baustellen, Sand im Bus, überhaupt kein Bus, zwei Busse statt einem Bus…) kann auf Twitter auch mal mit einem Augenzwinkern berichtet und geantwortet werden. Die Nutzer verstehen das und geben Liebe zurück – der SWB „Guten Morgen“-Tweet hat sogar Kultstatus erreicht. Einige Sessionteilnehmer lobten das Team und sind selbst ÖPNV-Nutzer, die sich auf Twitter informieren. Wenn mal eine Störung auftritt, macht die entspannte Art der Redakteuere alles wieder ein bisschen besser.

Die Abschlusssession kam von DHL in Heimspiel-Manier selbst: Ein Bericht über den Paketkopter 3.0, ein Quadrocopter, der Päckchen ausliefern kann. Das funktioniert sogar bei Wind und Wetter, jedoch bisher nur bis 2 kg. Bei größerer Fracht würde die Drohne auch deutlich größer. Etwas schade: Der Parcelcopter ist derzeit ein reines Forschungsprojekt – ein Regelbetrieb oder reeller Use-Case sind bisher nicht absehbar. Auf keinen Fall soll diese Zustellmethode aber den Paketlieferwagen ersetzen, es soll zukünftig maximal eine Ergänzung für schwer zugängliche Packstationen sein.

Zum Abschluss des Tages ging es noch kurz auf das Township, die After-Party auf einem Boot auf dem Rhein. Dort konnte ich noch mit einigen Teilnehmern und den beiden Organisatoren des Barcamps, Johannes Mirus und Sascha Förster sprechen und den Abend ausklingen lassen.

Johannes Mirus und Sascha Förster

Johannes Mirus und Sascha Förster, Foto: Peter Winninger

Tag zwei: Volles Programm, alles gemischt!

Am zweiten Tag nahm ich einen frühen Zug nach Bonn und wurde im Posttower mit einem tollen Frühstück begrüßt. An dieser Stelle: Danke für die pflanzlichen Optionen, große Klasse! Gefühlt noch mal ein paar Leute mehr als am Freitag waren da und noch vor der ersten Session hatte ich neue Menschen kennengelernt. Ich erfuhr von Karin von Trackle, einem Erkennungssystem für besonders fruchtbare Phasen und ließ mir das etwas erklären – abgefahren! Julia erzhälte mir von Ihrer Arbeit beim Gustav-Stresemann-Insitut, wo sie an Bildungsprojekten zum Thema Europäische Union beteiligt ist. Wir waren uns schnell einig, dass es dort einiges zu tun gibt, viele Menschen wissen leider noch zu wenig über die Zusammenhänge in Europa – was ich selbst auch mehrfach erlebt habe. Wertvolle Arbeit in jedem Fall! Nach der Vorstellungsrunde (hier habe ich dazu gebloggt, warum diese so wichtig ist) ging es los mit den Sessions.

Als erstes war ich bei Domingos zum Thema Barrierefreiheit von Websites. Ich hatte ehrlich gesagt bisher wenig Berührungspunkte damit, dachte aber direkt an meine Zeit als Zivi zurück, wo ich in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet habe. Als erstes fiel auf, dass ständig eine Computerstimme in beeindruckender Geschwindigkeit ertönte: Domingos benutzt im Browser einen Screenreader, der auf doppelte Geschwindigkeit eingestellt ist. So kann er am PC arbeiten und weiß, auf welcher Folie ist. Er berichtete, dass der Trend zu Mobile-first die Entwicklung von Websites der Barrierefreiheit positiv beeinflusst. EIn gängiger Test für Barrierefreiheit ist in Deutschland der BITV-Test. Dieser berücksichtigt die Anforderungen körperbehinderter Menschen. Ein automatisches Test-Tool findet man unter wave.webaim.org. Es helfe aber auch, wenn man als „sehender“ Mensch einfach mal einen Screenreader ausprobiert und seine eigene Website ansurft, sagte ein Teilnehmer, da gebe es freie Software. In der öffentlichen Hand ist Barrierefreiheit verpflichtend, trotzdem funktioniere beispielsweise die elektronische Steuererklärung ELSTER überhaupt nicht. „Auch bei sehenden Menschen funktioniert das kaum“ wurde angemerkt. 😄 Aus Sicht eines Sehbehinderten sagte Domingos, ebay wäre ganz schwierig, Lob hingegen gab es für Amazon und REWE Supermarkt.

Ergreifend und persönlich war es bei der Session von Gunnar Erik Sohn, dessen Frau auf Facebook eine Auseinandersetzung mit einer Rechtspopulistin hatte. Dies motivierte ihn, dem entgegenzutreten, jedoch nicht nur mit sachlichen Argumenten sondern auch mit der Recherche und Aufarbeitung der Lebensgeschichte seines Großvaters – „Leben und Sterben im Rheinland“. Der Großvater mit jüdischem Elternteil flüchtete nach Beginn des zweiten Weltkriegs nach Österreich und kaufte dort einen Hof. Nach der Annektierung an das Deutsche Reich der Nazis wurde der Hof enteignet und er kam ins Konzentrationslager Dachau, das er schwer ausgemergelt und verletzt überlebte. Er wurde, wie 800-900 andere „Geisteskranke“ in das ehemalige Sanatorium in Bendorf-Sayn bei Koblenz gebracht. In diesem hoffnungslos überbelegten Haus drehte sich alles um die Zwangssterilisierung. Tod und Hunger waren allgegenwärtig. Gunnar sprach außerdem über entwürdigende Praktiken und Formalitäten der Nationalsozialisten und zeigte u.a. die Sterbeurkunde seines Großvaters. Dort wurde ihm (als evangelisch getauften Christen) der Vorname Israel eingetragen, trotzdem er mehrere Berufe erlernt und ausgeübt hat, steht dort „ohne Beruf“. Durch das Einbringen dieser persönlichen Geschichte kam es dazu, dass die Frau auf Facebook ihre Kommentare nachträglich wieder löschte – es hat offenbar ein Umdenken stattgefunden. Besonders eindrucksvoll war es für mich, da ich in nächster Nähe wohne, ich habe einiges über meine Umgebung und deren Geschichte dazugelernt. Rechtspopulisten entgegentreten ist das Credo – nicht die Klappe halten!

Es ging emotional weiter: Der syrische Flüchtling Bashar Abdo berichtete von seiner abenteuerlichen Reise von Syrien bis nach Bonn.  Eins blieb mir besonders im Gedächtnis: Nach etlichen Strapazen zu Fuß, per Boot und in Autos war er in Athen angekommen und kam er über einen Schlepper an einen gefälschten slowakischen Pass. Mit diesem wollte er nach Paris, Zwischenstopp in Belgrad. Ein serbischer Beamter prüfte den Ausweis und fragte ihn, ob der denn auch Slowakisch spreche, er sehe nämlich nicht so aus. „Na klar!“ „Was heißt denn ‚Guten Tag‘ aus slowakisch? Ich lerne die Sprache gerade.“ Geistesgegenwärtig antwortete er aus Kurdisch: „Rojbaş!“ – „Alles klar, das ist richtig. Guten Flug!“ So kam er über Paris, Hamburg und Gießen schließlich nach Bonn. Im Moment arbeitet er übrigens bei der KEVAG Telekom hier bei uns in Koblenz, Grüße!

Mit den beiden Digitalen Nomaden gab es danach einen Einsteigerkurs in die Fotografie. Ich bin echt unfassbar untalentiert, aber ein paar Grundregeln konnten dann doch vermittelt werden. Fokus aufs Wesentliche! „Fotografiert mal Zahlen“ war eine der Übungen. Die Bilder der Teilnehmer wurden dann direkt vor Ort vom Profi kritisiert und man erhielt Verbesserungsvorschläge.

Es ging dem Ende zu, letzte Session: Wetter Online erklärt, wie die Vorhersage erstellt wird. Die Rohdaten (Satellitenbilder und Messungen) werden eingekauft, es kommt auf das Rezept an. Das Rezept basiert auf Physik und meteorologischem Fachwissen. Dadurch erklärt sich auch, das verschiedene Anbieter teils unterschiedliche Vorhersagen abgeben. Es kommt auf die Deutung an. Wir erfuhren, dass die 14-Tage-Vorhersage ehrlicherweise wenig sinnvoll ist, sie gibt es, weil es die Nachfrage gibt – wirklich ernstzunehmen ist sie nicht. Am meisten interessieren sich Menschen übrigens im Sommer für das Wetter und bei Extremsituationen (Hitze, Glatteis). Mein Tipp, dass die meisten nachschauen, ob es weiße Weihnachten gibt war es nicht, das sei nur ein lokales Maximum in der Zugriffsstatistik, sagen die Experten. Das Social-Media-Team antwortet bei Facebook und Twitter übrigens auch geduldig auf eingehende Nachrichten. Am nervigsten seien dabei die Verschwörungstheoretiker. So wird behauptet, dass Wetter Online mit der Regierung oder wahlweise den Freimaurern unter einer Decke steckt und für die giftigen Chemtrails verantwortlich ist. 😂 Danke für die Einblicke, es war mitreißend!

Gespräche auf dem Barcamp Bonn 2017

Foto: Peter Winninger

Zum Abschluss gab es, wie bei Barcamps üblich, noch eine offene Feedbackrunde und eine kleine Bücherverlosung. Das Feedback fiel (absoult zu Recht, meiner Meinung nach) fast ausschließlich positiv aus. Mir hat es Spaß gemacht und ich habe extrem viele Eindrücke mitgenommen, konnte meinen Horizont erweitern. Am liebsten wäre ich parallel in mindestens drei Sessions gleichzeitig gewesen… wie immer. Nächstes Jahr bin ich wieder dabei!

Wo ich nicht war (weil ich die Session schon kannte) war bei Christian Bell… war aber sicherlich wieder mindestens genau so gut! Es soll bald auch einen zweiten Teil geben, habe ich gehört. 😜

Das #bcbn18 findet am 23./24. Februar 2018 an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in St. Augustin statt, Schwerpunkt wird passenderweise das Thema Bildung sein!

Hier noch schamlose Eigenwerbung: Auch in Koblenz gibt es ein phänomenales Barcamp. Das dritte Barcamp Koblenz findet am 24./25. Juni 2017 statt, Tickets sind jetzt erhältlich! Es wird grandios, versprochen!

Noch ein paar Tweets: 🐦

http://twitter.com/BastianStegen/status/840523315244609536

Autor

Gerrit Müller

Gerrit Müller
Head of Client Services

Ich bin unterwegs in Sachen Social Media. Bei 247GRAD bin ich für den Kundenkontakt und kaufmännische Angelegenheiten zuständig und kümmere mich um die Außendarstellung der Agentur.

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