05. April 2017

rlp_vernetzt − Rheinland-Pfalz und Digitalisierung, kann das klappen?

Gerrit Müller Author: Gerrit Müller Kategorie: Allgemein

Mich erreichte eine dieser E-Mails mit einer Eventeinladung. Viele davon landen direkt im Papierkorb, hier habe ich tatsächlich reingeklickt: Die Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz (ZIRP) lädt zu „rlp_vernetzt“ nach Mainz, es geht um Unternehmen im digitalen Umbruch. Ich war ehrlich gesagt noch nie auf einer Veranstaltung vom Land Rheinland-Pfalz, abgesehen von den Gemeinschaftsständen auf der Dmexco oder Cebit. Aber warum eigentlich nicht? Zaghaft meldete ich mich an, einfach mal ausprobieren dachte ich.

Zugegeben bin ich von Anfang an etwas skeptisch, weil trotz des Themas Digitalisierung kein Hashtag oder Social-Media-Kanäle angegeben waren, darauf achte ich natürlich berufsbedingt immer als erstes. Unter #rlpvernetzt und auch #rlp_vernetzt findet sich auf Twitter so gut wie nichts. Muss ich es also selbst herausfinden, was dort geheimnisvolles abgeht.

Als Speaker sind Malu Dreyer und Brigitte Zypries angekündigt. Ein Highlight ist sicherlich das Panel mit dem Präsidenten der Gesellschaft für Informatik und Leiter des Fraunhofer IESE, Dr. Peter Liggesmeyer, sowie Vertretern von BASF und Siemens zum Thema Unternehmenskultur. Der Clash von verschiedenen Unternehmenskulturen ist für uns als Agentur alltäglich. Häufig ist es so, dass wir Konzernen mit unseren Dienstleistungen ihre Agilität zurückgeben.

In Mainz angekommen, entspannt mit der Deutschen Bahn, Badge abgeholt und erstmal überrascht: Kein Zugang zum WLAN. Was soll’s, mit einem O-Saft im Gepäck geht es in die Aula der Hochschule.

Prof. Gerhard Muth, Präsident der Hochschule Mainz

Prof. Muth legte los und erzählte von „Bim“, building information modeling. Hatte ich noch nie gehört, es geht um Bauingineuerswesen. Zu deutsch nennt sich das Ganze Gebäudedatenmodellierung, das ist aktuell eines der heißesten Themen an seiner Hochschule.

Eine wichtige Aussage war, dass das Akkreditierungsverfahren für neue Studiengänge die Wandlungsfähigkeit der Lehre ausbremse. Die Zulassung für neue Studiengänge und -fächer müsse vereinfacht und beschleunigt werden.

In Mainz wird nicht klein-klein gedacht: Die Hochschule Mainz und die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz haben ein Projekt zur Wissensvernetzung gestartet und arbeiten eng zusammen.

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin Rheinland-Pfalz

Die Chefin des Landes höchstpersönlich, Malu Dreyer, ist nicht nur Ministerpräsidentin, sondern auch stellvertretende Vorsitzende der Zukunftsinitiative ZIRP. Auch die Parlamente müssen sich mit Digitalisierung befassen, sagte sie. Ländliche Bereiche seien in Rheinland-Pfalz besonders im Fokus für das Thema Digitalisierung, besonders in ländlichen Industriegebieten soll für passende Infrastruktur gesorgt werden. Das Thema Medienkompetenz würde jetzt auch in den Grundschulen verankert, in weiterführenden Schulen sei es schon seit längerem auf dem Lehrplan. Die Landesregierung arbeite außerdem an der digitalen Unterschrift, so dass in Zukunft auch per Smartphone behördliche Unterlagen und Verträge abgesegnet werden können.

Positiv wurden die Kompetenzzentren in RLP erwähnt, das Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum in Kaiserslautern, dessen Vorsitzender Prof. Zühlke ebenfalls anwesend war sowie das Kompetenzzentrum Handwerk bei uns in Koblenz. Rheinland-Pfalz sei außerden Vorreiter bei der Verbindung von Softwareentwicklung und Maschinenbau.

Unternehmer müssen die Geschäftsmodelle neuer Serviceanbieter und Startups verstehen, auch die reiner Online-Anbieter. Der Bedarf sei grundätzlich gleich geblieben, doch der Weg des Produkts zum Kunden ändere sich eklatant. So können derzeit noch etablierte Unternehmen ganze Geschäftsfelder wegbrechen. Als Beispiel nannte sie ImmobilienScout24, dort könne man online nach Wohnungen suchen, die Zeitungskleinanzeige wird dadurch obsolet.

Der nächste große Meilenstein: Im Frühjahr 2018 wird die rheinland-pfälzische Digitalstrategie vorgelegt. Es gibt ein Online-Portal „Rheinland-Pfalz digital“ für Ideen, man kann sich dort einbringen.

Tim Cole − Wake-Up Call

Der in Deutschland und Österreich lebende US-amerikanische Visionär und Autor Tim Cole ist besorgt um Deutschland, das Land falle bei Digitalthemen deutlich zurück. Der nach eigenen Angaben seit 1995 bloggende Cole beschrieb die „German Angst“, die sich zu Mut wandeln solle. Jenseits von seinen typografisch und illustratorisch wirklich grottigen Powerpoint-Folien enthielt der Vortrag einige sinnvolle Inhalte:

Die drei wichtigsten Trends sind aus seiner Sicht:

  • Digitalisierung (digitale Beschleunigung)
  • Vernetzung (Insellösungen von einzelnen Abteilungen müssen verbunden werden)
  • Mobilität (neue Generation hat größtenteils ausschließlich ein Smartphone als Endgerät)

Die großen Player am Markt sind Mittelsmänner:

  • Alibaba ist der größte Marktplatz der Welt aber besitzt keine Produkte
  • Uber ist das größte Taxiunternehmen aber besitzt keine Autos
  • Airbnb ist der größte Anbieter von Ferienappartments aber besitzt keine Wohnungen

Unternehmen sollten immer danach suchen, wie man sein eigenes Geschäftsmodell zerstört, um dann selbst der Erste zu sein. Ein wichtiges Thema sind laut Cole die Smart Factories. Als Beispiel nennt er die Smart Factory von Tesla in Reno, Nevada. Dort werden Akkus für die Autos produziert.

Als große Herausforderung für Arbeitgeber sieht Cole die Schaffung von Arbeitsstellen für die Generation Y und Z. Wer für die Anforderungen und Bedürfnisse der neuen Generationen keine Arbeitsplätze hat, habe zukünftig ein Problem. Die Büroarbeitsplatzpflicht sei nicht mehr zeitgemäß,  die Verantwortung dafür liege bei der Unternehmensführung; ein Misstrauen nach dem Motto „Wenn du nicht hier bist, arbeitest du auch nichts“ den eigenen Mitarbeitern gegenüber bringe nichts. Die neuen Generationen haben nicht mehr die Fähigkeit, sich intensiv auf einer Sache zu konzentrieren, aber dafür könne Sie ihre Aufmerksamkeit aufteilen und viele Dinge gleichzeitig erledigen.

Als drei Lösungsansätze definiert Cole:

  • Automation: Alles was sich automatisieren lässt, automatisieren.
  • Zuwanderung: Immigranten in die Unternehmen eingliedern.
  • Qualifikation: In Weiterbildung der Mitarbeiter investieren.

Brigitte Zypries, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie

Nach einer Lobhudelei, wie geil Rheinland-Pfalz ist, sagte Frau Zypries, vor allem dem Mittelstand müsse geholfen werden. Dazu wurde eine Plattform Industrie 4.0 zur Zusammenarbeit und Findung von sinnvollen Prozessen geschaffen. Auf dieser Plattform seien bereits 300 Akteure von 150 Organisationen in Deutschland unterwegs. Es gibt eine interaktive Landkarte mit 280 Beispielen. Sie widerspricht damit Tim Cole, der vorher gesagt hatte, Deutschland hinke hinterher.

Es gebe auch in Zukunft nicht nur Informatiker, sondern auch Mechatroniker, Installateure und weitere Ausbildungsberufe. Dazu müsse die duale Ausbildung gegenüber dem Studium gestärkt werden. Dabei sagte sie selbstkritisch, dass bisher zu einseitig in Richtung Hochschulbildung gefördert wurde.

Als weitere aktuelle Schwerpunkte nannte Zypries den Netzausbau auf Gigabit-Geschwindigkeit auch im ländlichen Raum und die Startup-Förderung. Leider kam auch dabei durch, dass in Legislaturperioden gedacht würde. Es gebe noch viel zu tun, in der nächsten ginge es dann richtig los. Sie kenne außerdem nur Startup-Events in Berlin, im Rest der Repubik wisse sie nicht, was es dort gibt, da müsse mehr gemacht werden. Kommen Sie doch mal zum Barcamp Koblenz, Frau Zypries!

Zum Abschluss gab es noch eine Bauchpinselung ihrer Parteikollegin Malu Dreyer, das war’s.

Paneldiskussion: Innovation durch Digitalisierung

Die Paneldiskussion startete mit jeweils drei Kurzvorträgen der Teilnehmer. Das resultierte leider auch in der Vorführung eines Imagefilms sowie intensiver Eigenwerbung. So weit, so uninteressant. Ich fasse die Kernaussagen der Teilnehmer zusammen:

Prof. Dr. peter Liggesmeyer (Institutsleiter Fraunhofer IESE, Präsident Gesellschaft für Informatik)

  • Digitalisierung ist nicht das Erste, worüber man nachdenken solle. Das Geschäftsmodell ist wichtig. Dann könne man sehen, wo Digitalisierung helfen kann.
  • Man solle nicht in Panik verfallen – Digitalisierung sei nur ein Wandel von vielen. Viele Unternehmen in Deutschland haben die Herausforderungen eines Wandels schon mehrfach gemeistert. Dies sehe man daran, dass die meisten Konzerne in Deuschland schon sehr lange am Markt sind.
  • Nicht jede Innovation ist disruptiv. Die Ablösung der Vinylschallplatte durch die CD ist keine Disruption, weil es immer noch ein physisches Medium ist, das mechanisch hergestellt wird – die Disruption waren dann die digitalen Musikformate und Streamingdienste.
  • Für jedes Thema gebe es einen Verband mit Kontakt zur Politik. Unternehmer sollten in den verbänden engagiert sein, um Ihre Interessen einzubringen. Die GI sei ebenfalls ein solcher Verband für ihr Thema.
  • Bei der Datennutzung müsse eine Abwägung zwischen Privatsphäre und dem Zweck passieren. Beispiel: Gesundheitsdaten sind üblicherweise höchstsensibel und schützenswert. In einer Notsituation müssten aber auch diese Daten für die Ärzte schnell verfügbar sein. Die Zweckbindung müsse durch technische Systeme überwacht werden.

Erwin Becher (VP Cyber Security, BASF SE):

  • Der Austausch mit Kunden sei enorm wichtig.
  • Man sollte weggehen von feature- und technikgetriebenen Weiterentwicklungen, eher hin zu Innovationen auf Basis von Nutzungsszenarien und neuen Geschäftsmodellen.
  • BASF mache jetzt schon richtig viel richtig gut.

Frank hauber (Leiter Enterprise Channel, Siemens DeuTschland Building Technologies)

  • Man müsse den international bekannten Perfektionismus deutscher Unternehmen teilweise ablegen zugunsten von Agilität und Minimum Viable Products.
  • Siemens setze auf iterative Prozesse und Ausprobieren, Fehler sind dabei erlaubt.
  • Nicht jeder Mitarbeiter bei Siemens sei für die neuen Geschäftsmodelle geeignet, deshalb fährt man zweigleisig und hat daher trotzdem noch „klassisch“ organisierte Bereiche parallel.

Paneldiskussion zum Thema "Innovation durch Digitalisierung" #rlpdigital

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Fazit

Es war für mich etwas ganz neues, so ein „politischer“ Kongress. Es war recht klassisch und professionell organisiert, wobei ich mich doch sehr gewundert habe, dass es kein WLAN für die Gäste gab und der Social-Network-Traffic fast gleich null war. Das Thema Digitalisierung in Rheinland-Pfalz kann und muss man doch auch öffentlich machen. Wenn man viele interessante Leute dort sitzen hat, sollte die Chance genutzt werden, diese als Multiplikatoren zu gewinnen. Auf jeden Fall konnte ich mir aber ein ausführliches Update ziehen, was das Land gerade für die Digitalisierung tut und was geplant ist. Ich werde mir das Portal von Rheinland-Pfalz Digital nochmal genauer anschauen als Hausaufgabe – super Sache. Ich finde es klasse, dass es eine Zukunftsinitiative gibt und konnte auf der Veranstaltung einen Eindruck gewinnen, was da passiert. Es gibt viele gute und richtige Ansätze, an mancher Stelle hat mir die Tiefe gefehlt oder es wurde teilweise zu werblich (Für die SPD oder auch für die beteiligten Unternehmen). Außerdem sollte so ein Kongress dringend online begleitet werden (Live-Berichterstattung, Recap, …). Ich behalte das Thema im Blick!

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Über den Autor

Gerrit Müller
Gerrit Müller

Ich bin Head of Client Services bei 247GRAD und unterwegs in Sachen Social Media. Außerdem organisiere ich zusammen mit unserem Team das Barcamp Koblenz.


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